“Ich geh nimmi nuff!” – Wenn jeder Spieltag zum Auswärtsspiel wird

Kolumne

“Ich geh nimmi nuff!” – an dieser Stelle wollen wir außerhalb unseres Podcasts ab und an ein paar Gedanken rund um den Betze zusammenfassen. Diesmal erzählt Paul, wie es ist, wenn man sich als FCK-Fan fernab der Pfalz auf den Weg zum Heimspiel auf dem Betzenberg macht.

Düsseldorf Hauptbahnhof, Samstagmorgen, 7:45 Uhr. Ein mehr oder weniger verlassener Bahnsteig, eine Taube, ein Kaffee und ich. Ein letztes Mal die Zugverbindung checken. Ziel: Kaiserslautern, Ankunft um 12:30 Uhr, was bedeutet: Eine halbe Stunde vor Anpfiff bin ich am Ziel. Das wiederum bedeutet: Alle Züge müssen pünktlich sein, in Koblenz und Bingen darf nichts schief gehen. Der Zug fährt ein, der letzte Blick, ob Schal und Eintrittskarte an Ort und Stelle sind – los geht’s. Viereinhalb Stunden Zugfahrt liegen nun vor mir. Vorbei an Köln und Bonn, umsteigen in Koblenz, schnell die Loreley gegrüßt, umsteigen in Bingen, warten in Bad Münster am Stein, die ansteigende Spannung ab Alsenz, der erste Blick auf das Stadion kurz hinter dem ehemaligen Bahnhof Eselsfürth – drei Jahre lang mein Weg nach Kaiserslautern. Drei Jahre lang mein Weg zu den Heimspielen.

Von 2011 bis zum letzten Sommer hatte ich mich in Düsseldorf niedergelassen, der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt am Rhein, um dort mein Studium voranzutreiben. Ungeachtet aller Vorzüge und Empfehlungen fiel die endgültige Entscheidung allerdings erst, als mir die Webseite der Bahn einigermaßen zumutbare Fahrtzeiten nach Kaiserslautern (und zurück) versichern konnte – für beide Ligen, man plant ja schließlich alle Eventualitäten ein. Zwar war ich es gewohnt, nicht mal eben in ein paar Minuten zum Fritz-Walter-Stadion zu schlendern, doch erreichte ich die Pfalz aus Stuttgart oder Mannheim, meinen vorherigen Wohnorten, immer recht einfach und einigermaßen schnell. Die viereineinhalb Stunden Fahrt aus dem Rheinland, die ich fortan also bewältigen sollte, klangen da ganz anders. Aber rückblickend kann ich festhalten: Es funktionierte. Und ich war nie alleine.

Man sagt oft, mit dem FCK leidet und jubelt eine ganze Region. Wer sich an Spieltagen auf den Weg zum Betzenberg macht, der wird dem kaum widersprechen wollen: Volle Züge, Autos und Busse, die von allen Himmelsrichtungen zur Barbarossastadt strömen. Aber nicht nur unmittelbar aus der Region um Kaiserslautern trifft man an (Heim-)Spieltagen auf FCK-Fans, es sind viele Anhänger, die sich aus ganz Deutschland auf den Weg machen. Die FCK-Region, wenn man so will, reicht weit über die Pfalz hinaus.

Während meiner Zugfahrten traf ich Lautrer, die aus Köln, Freiburg, sogar aus München, Leipzig und Berlin nach Kaiserslautern fuhren. Manche waren alleine unterwegs, andere fanden sich in Fahrgemeinschaften zusammen oder hatten mit Gleichgesinnten aus ihrer Heimatstadt Fanclubs gegründet, mit denen sie die Auswärtsfahrten organisieren. Sogar bis ins Ausland, vor allem nach Frankreich und Luxemburg, strahlt der Betzenberg seine Anziehungskraft aus und lockt die rot-weißen Anhänger ins Stadion.

Regelmäßig gab es ein großes Hallo, wenn ich, selbst aus Stuttgart oder Düsseldorf kommend, unterwegs auf andere Exil-Lautrer traf. Man kam ins Gespräch, tippte den Spieltag und tauschte sich über die Saison aus. So ergaben sich viele kleine Anekdoten: Da waren die Verrückten, die in aller Frühe in Hamburg losgefahren waren, bewaffnet mit rot-weißen Schals, einem Kasten Bier und einem Topf Frikadellen und die sich nun fragten, ob wie sie Letzteren am Ordnungsdienst vorbeischmuggeln konnten. Da waren die zwei FCK-Fans aus Duisburg, mit denen ich am Kölner Hauptbahnhof vor gefühlt 1000 Karnevalisten flüchten musste, die lautstark, angetrunken und gut gelaunt auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel ihres 1. FC Köln waren. Da gab es den lustigen Typen aus Weimar, der zum Heimspiel gegen Dresden im Internet eine Fahrgemeinschaft buchte und sich unbeabsichtigt in einem Kleinbus voller Dynamo-Anhänger wiederfand.

Da gab es den zurückhaltenden Studenten aus Münster, der unterwegs noch schnell die Latein-Übersetzung für die nächste Woche fertig machte, bevor er sich ausgiebig über die Aufstiegschancen mit mir unterhalten wollte. Da war die Gruppe aus Nürnberg, die im breitesten Fränkisch über den damaligen Chefcoach Frrranggo Foda philosophierte. Da war der in Reutlingen arbeitende FCK-Fan, dem eine Supermarktfiliale gehört und der fast jedes zweite Wochenende seinem Stellvertreter die Verantwortung für das Sortiment und die Abrechnung überlässt. Da war der wohl bekannteste Exil-Lautrer, der OWL-Teufel, der sich noch schnell Verpflegung für die Heimfahrt holte und den ich aus der DSF-Reportage wieder erkannte…

Immer wieder interessant wurde es, wenn wir Lautrer auf Fangruppen anderer Vereine trafen. Vor allem dann, wenn uns Anhänger des FCK-Gegners begegneten, die somit den selben Weg hatten. Es ergaben sich größere Diskussionsrunden, es wurden klare Abmachungen getroffen (“Wir gewinnen heute gegen euch, dafür dürft ihr nächste Woche Berlin weghau’n!”) und man tauschte sich über die Situation des eigenen Vereins aus. Manchmal war es spannend, manchmal hitzig, ab und an kamen wir auf einen Nenner oder mussten auch mal die Diskussion abbrechen – ein fahrender Fußball-Stammtisch. Wir Lautrer auf der einen, die Gästefans auf der anderen Seite.

So vergingen die Stunden der Zugfahrt auf sehr schnelle und unterhaltsame Art und Weise. Vor allem aber wuchsen mit der Zeit zwei wichtige Erkenntnisse: Man glaubt gar nicht, von woher überall FCK-Fans kommen. Und: Lautrer sind nie alleine, ganz egal wo sie sich in Deutschland in den Zug setzen.

 

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